Brunnen vor dem Haus Durst in der Ringstraße, ca. 1950-1960

Dieses Foto stellten dankenswerterweise Pia und Alfons Durst zur Verfügung.

Eine willkommene Erfrischung an einem warmen Tag: Ein Mann beugt sich über den Brunnen und trinkt direkt von dem kalten Wasser, das aus der Brunnensäule fließt. Zwei Frauen im Hintergrund beobachten die Szene und scheinen sich über den spontanen Durstlöscher zu amüsieren. Die Brunnen im Städtchen dienen traditionell nicht nur der Wasserversorgung, sondern auch als Viehtränken. Hier macht sich einmal ein Mensch das frische Wasser zunutze.

Im Hintergrund steht das Haus Durst (Ringstr. 1), das nach dem Großbrand von 1921 neu errichtet wird. An seiner Fassade wächst ein Spalierbaum empor. Das Gebäude dient zugleich als Wohn- und Geschäftshaus, denn im Erdgeschoss befindet sich ein kleiner Laden. Über dem Eingang ist schlicht das Wort »Handlung« zu lesen; der Rollladen ist gerade heruntergelassen. Frieda Durst (geb. Egle, 1929-1982) verkauft hier Textilwaren, Aussteuer und Wallfahrtsartikel. Letztere bietet sie – zusammen mit ihrer Mutter Lina Egle (geb. Mäder, 1887-1966) – auch an einem Verkaufsstand bei der Wallfahrtskirche Witterschneekreuz an.

Standort des Fotografen: 47.884502, 8.344612

Frauengruppe in der Alemannenstraße, ca. 1943

Dieses Foto stellten dankenswerterweise Christoph Müller und Marlies Müller sowie Rita Bölle zur Verfügung.

Eng zusammengerückt stehen sieben junge Frauen in der Alemannenstraße vor der Kamera. Einige haben sich untergehakt, andere legen einander den Arm um die Schulter. Die Sonne scheint ihnen ins Gesicht, sie lachen und wenden sich einander zu. Die Aufnahme entsteht vermutlich auf Höhe des »Alemannengrabes«; hinter der Gruppe steigen eine Bruchsteinmauer und der Hang empor.

Die jungen Frauen gehören alle dem Geburtsjahrgang 1924/25 an. Vermutlich haben sie gemeinsam die Schulbank gedrückt und sind Freundinnen. So ungezwungen die Szene wirkt, entsteht sie doch mitten im Zweiten Weltkrieg.

Wer erkennt die jungen Frauen?

V.l.n.r.: 1 Elisabeth Kaltenbrunner (verh. Roth, 1925-?), 2 Frieda Heckle (verh. Fehrenbach, 1925-2013), 3 [Johanna Egle (verh. Theiler, 1924-2014)???], 4 Maria Egle (verh. Geisinger), 5 [Hedwig Schmid (verh. Bayer, 1924-1996)???], 6 Anna Kuster (verh. Karrer), 7 Elvira Egle (verh. Fischer, 1925-2020)

Standort des Fotografen: 47.885109, 8.346196

Maienlandstraße beim Hochwasser, 10. Juli 1975

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Matthias von Dungen zur Verfügung.

Die Maienlandstraße hat sich in eine Wasserstraße verwandelt. Braune Fluten strömen in Richtung Städtchen. An der Einmündung der Rötengasse, wo die Straße ansteigt, haben sich Schaulustige versammelt. Auch auf den Treppenstufen zum Malergeschäft Sibold stehen eine Frau und ein Kind und betrachten die Bescherung. Der erhöht gelegene Garten des Kindererholungsheims Gugelberger bleibt von den braunen Fluten verschont.

Am Donnerstag, dem 10. Juli 1975, geht über Löffingen ein heftiges Sommergewitter nieder. Innerhalb von nur drei Stunden fallen 86 Liter Regen pro Quadratmeter. Der eingedolte Stettbach kann die Wassermassen nicht mehr aufnehmen. Statt unterirdisch durch das Städtchen zu fließen, ergießt sich das Wasser über Straßen und Plätze.

Vielen Einwohner*innen dürfte dabei das Hochwasser vom 1. Juli 1958 wieder in Erinnerung kommen. Damals bot sich ein ähnliches Bild. Nun wiederholt sich das Szenario nach nur 17 Jahren.

Standort des Fotografen: 47.884664, 8.343069

Kinderumzug mit »Schneewittchen und die sieben Zwerge«, Fasnacht ca. 1965

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Susanne Obergfell zur Verfügung.

Es ist »Fasnet Zieschdig«. Traditionell findet am Dienstag der Kinderumzug statt, der vom Bahnhof aus durch das Städtchen in Richtung Festhalle führt. An der Hans-Thoma-Schule (Untere Hauptstr. 10) ziehen gerade diese kleinen Fasnachtsnarren vorüber. Sie gehören zum Jahrgang 1957 und haben sich als »Schneewittchen und die sieben Zwerge« verkleidet.

Das einzige Mädchen der Gruppe ist Susanne Obergfell. Mit Kleid und Krone ist sie unschwer als Schneewittchen zu erkennen. Um sie herum marschieren die Zwerge mit ihren Zipfelmützen, die in ganz unterschiedlichen Formen und Größen geraten sind. Einer trägt einen Hobel in der Hand.

Ausgerechnet jetzt beim Kinderumzug schneit es. Die Straße ist nass und rutschig, am Rand liegt eine geschlossene Schneedecke. Einige Kinder kneifen die Augen zusammen, weil ihnen die Flocken ins Gesicht wehen. Doch tapfer ziehen sie weiter – Hand in Hand, dicht beieinander, mitten durch das winterliche Städtchen.

1.Reihe, v.l.n.r.: 1 Susanne Obergfell, 2 Karl-Heinz Götz
2.Reihe, v.l.n.r.: 1 Josef Scholz, 2 ???
3.Reihe, v.l.n.r.: 1 Harald Seidenberg, 2 ???

Standort des Fotografen: 47.882667, 8.343417

Festzug anlässlich der Einweihung der evangelischen Kirche, 27. Mai 1954

Dieses Foto stellten dankenswerterweise Irmela und Fritz Herrenbrück zur Verfügung.

Am Himmelfahrtstag 1954 erlebt Löffingen ein besonderes Ereignis: Die neu erbaute evangelische Johanneskirche wird eingeweiht. Vom Städtchen aus setzt sich die Festgemeinde in Bewegung. Voran gehen die Schulkinder, dahinter folgt ein langer Zug von Gläubigen, der sich durch die Obere Hauptstraße und die Festhallenstraße zieht.

Die Feierlichkeiten haben bereits am frühen Nachmittag begonnen. Im bisherigen provisorischen Kirchenraum hält Pfarrer Herbert Wäldin (1912-1988) aus Bonndorf den Gottesdienst. Gegen 15 Uhr bricht die Gemeinde schließlich auf zur neuen Kirche, deren Grundstein erst im Juli 1953 gelegt worden war. Der Festzug wird vom Geläut der Glocken der katholischen Pfarrkirche St. Michael begleitet – ein schönes Zeichen des Miteinanders der Konfessionen. Gerade ziehen die Kinder am Haus Selb (Obere Hauptstr. 12) vorbei. Im Vordergrund ist die Miste des landwirtschaftlichen Anwesens zu sehen. Links öffnet sich die »Linden«-Wiese beim Gasthaus »Linde« (Obere Hauptstr. 10).

Vor der Johanneskirche angekommen, findet die Schlüsselübergabe an Pfarrer Wäldin statt. Die Einweihung wird feierlich begleitet von der Stadtmusik, dem Männergesangsverein »Eintracht« und sogar dem katholischen Kirchenchor – keine Selbstverständlichkeit im mehrheitlich katholisch geprägten Städtchen. Die Festpredigt hält Oberkirchenrat Dr. Hans-Wolfgang Heidland (1912-1992) aus Karlsruhe. Damit auch die vielen Teilnehmer außerhalb des Kirchenraums folgen können, wird die Feier über Lautsprecher übertragen.

Ein Tag, der nicht nur für die evangelische Gemeinde, sondern für das ganze Städtchen von Bedeutung ist.

Standort des Fotografen: 47.884215, 8.347622

Narrengruppe »Piraten« in der Oberen Hauptstraße, Fasnacht 1997

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Rita Willmann zur Verfügung.

Eine Gruppe Piraten hat sich in den Narrenumzug am »Fasnet Mändig« gemischt. In der Oberen Hauptstraße, auf der Höhe des »Küferstüble« (Obere Hauptstr. 5), kommt der wilde Haufen zum Stehen. Das Motto der Fasnacht lautet in diesem Jahr: »Wasserwelt, wie’s euch gefällt« – und die Seeräuber liefern die passende Szenerie gleich mit.

Bis an die Zähne bewaffnet mit Säbeln, Haken und Spielzeugpistolen posieren sie vor ihrem Schiff, auf dem die Totenkopf-Flagge weht. Das Gefährt ist mit Kanone und Anker ausstaffiert. Mit breitem Grinsen und drohenden Gesten wenden sich die Piraten dem Publikum zu und lassen keinen Zweifel daran, dass sie hier das Kommando führen.

Ihre Kostüme wirken wie direkt aus einem klassischen Piratenfilm entlehnt: Kopftücher, Augenklappen, Westen und Stiefel gehören ebenso dazu wie Bärte und wilde Frisuren. Der Auftritt ist laut. Für die Zuschauer*innen am Straßenrand ist klar: Diese Piraten sind gekommen, um zu erobern – zumindest die Aufmerksamkeit des Publikums.

Wenn nicht gerade Fasnacht ist, gehören die Piraten dem Fußballclub an – und sind seine AH-Mannschaft.

V.l.n.r.: 1 Jürgen Köpfler, 2 Martin Höcklin, 3 Gerold Happle, 4 ??? (verdeckt, vorne), 5 Klaus Auer (verdeckt, hinten), 6 Ingo Küssner, 7 Rainer Knöpfle oder Frank Schreiber, 8 Rolf Schiesel

Standort des Fotografen: 47.884510, 8.345765

Mehrbildansicht mit Haus Häusle in der Vorstadtstraße, ca. 1923-1925

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Ursula Moch-Weiss zur Verfügung.

Eine verschneite Gesamtansicht des Städtchens breitet sich im oberen Bildteil aus. Der Blick vom Gewann »Breiten« führt über ein weißes Feld hinweg zu den Häusern der Rötenbacher Straße mit dem Forstamt sowie zur Bebauung der Seppenhofer Straße. Vor dem Wäldchen »Hasle« heben sich die neu errichtete Festhalle und die Volksschule ab, die sich zu diesem Zeitpunkt noch im Rohbau befinden. Die Fertigstellung des Gebäudekomplexes verzögert sich aufgrund der schwierigen finanziellen Lage der Stadt infolge der Inflation und der hohen Kosten für den Wiederaufbau nach dem Großbrand von 1921 um mehrere Jahre.

Darunter ist das Wohnhaus der Familie Häusle in der Vorstadtstraße zu sehen. Es gehört dem Steinmetzmeister Karl Häusle (1878-1956) und seiner Ehefrau Maria Häusle (geb. Schultheiß, 1883-1966), die als Hebamme tätig ist. Vor dem Gebäude ist ein Misthaufen zu erkennen, schließlich gibt es in der Vorstadtstraße mehrere Landwirtschaften. Auch hier zeigt sich die winterliche Jahreszeit: Schnee bedeckt Dächer und Boden.

Die Mehrbildansicht gehört zu einer ganzen Serie ähnlicher Aufnahmen. In der Mitte der 1920er Jahre fotografiert ein unbekannter Fotograf zahlreiche Häuser im Städtchen und vertreibt die Bilder zusammen mit einer Stadtansicht als kombinierte Mehrbildkarten. Auch Familie Häusle erwirbt eine solche Ansicht.

Standorte des Fotografen: 47.881954, 8.338886 | 47.884677, 8.346262

Familie Jonner mit Täufling und Hebamme in der Alenbergstraße, ca. 1936

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Inge Mayer zur Verfügung.

Der jüngste Spross der Familie Jonner ist soeben in der katholischen Pfarrkirche St. Michael getauft worden. Nun macht sich die kleine Taufgesellschaft auf den Heimweg durch die Alenbergstraße. Der Säugling wird – wie üblich – nicht von der Mutter getragen, die nach der Geburt noch im Wochenbett liegt, sondern von der Patentante. Behutsam hält sie das Neugeborene im weißen Taufkleid im Arm.

Neben ihr schreitet ein festlich gekleideter Mann, im dunklen Anzug und mit Zylinder – der Patenonkel des Kindes. Rechts von ihnen geht die Hebamme Veronika Geisinger (geb. Mauthe, 1878-1958), die nicht nur die Geburt begleitet hat, sondern traditionell auch bei der Taufe anwesend ist. In Zeiten, in denen fast ausschließlich zuhause entbunden wird, spielt die Hebamme eine herausragende Rolle: Sie sorgt für Mutter und Kind, kümmert sich in den ersten Lebenstagen – und begleitet die Familie bis zur kirchlichen Aufnahme des Neugeborenen. Die Taufe erfolgt meist sehr zeitnah nach der Geburt, auch aus Sorge, das Kind könne versterben, bevor es getauft ist.

Die Taufgesellschaft und Hebamme Geisinger teilen denselben Heimweg, denn auch sie wohnt auf dem Alenberg. Vermutlich handelt es sich bei dem Täufling um Bernhard Jonner, geboren am 16. Januar 1936 als Sohn von Wilhelm Jonner (1902-?) und Josefine Jonner (geb. Guth, 1905-?).

V.l.n.r.: 1 Patenonkel Oskar Guth, 2 Patentante Sofie Hepting (geb. Jonner, 1909-1995), 3 Hebamme Veronika Geisinger (geb. Mauthe, 1878-1958)

Standort des Fotografen: 47.884813, 8.344858

Motorrad vor der Ökonomie vom Haus Mayer und Gasthaus »Adler« in der Demetriusstraße, ca. 1960

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Gottlieb Mayer zur Verfügung.

Der Motor knattert, zwei Männer sitzen startbereit auf dem Motorrad. Ein dritter Mann (vermutlich Gottlieb Mayer) steht lässig daneben, die Hände in die Hüften gestemmt. Zwei Frauen stehen ein paar Schritte entfernt, die eine noch mit weißer Schürze, als sei sie eben erst aus der Küche vom benachbarten Gasthaus »Adler« (Untere Hauptstr. 2) oder aus der Metzgerei Butsch (Demetriusstr. 15) herbeigeeilt. Auch ein Kind ist dabei – neugierig, vielleicht auch ein wenig eingeschüchtert vom Lärm der Maschine. Motorräder sind noch eine Seltenheit. Wer eines besitzt, ist mobil und kann den Alltag hinter sich lassen.

Der Hintergrund des Fotos erzählt eine andere Geschichte: die Scheunentore, die bröckelnde Fassade, das kleine Fenster mit schiefem Rahmen. Noch stehen im Altstadtring der Demetriusstraße Ökonomiegebäude, die an eine Zeit erinnern, in der Landwirtschaft und Viehhaltung mitten im Ort selbstverständlich sind. Zwei Dächer, zwei Eindeckungen – Ziegel links, Schindeln rechts – und doch ursprünglich ein zusammengehörendes Gebäude. Die linke Scheune (Demetriusstr. 17a) gehört inzwischen Landwirt Gottlieb Mayer, sie wird 1980 abgerissen. Die rechte Scheune (Demetriusstr. 16), noch immer Teil des Gasthauses »Adler«, folgt 1982.

Standort des Fotografen: 47.883710, 8.343775

Kommunionkind Erika Kienzle mit Mutter, ca. 1949

Dieses Foto stellte dankenswerterweise Susanne Obergfell zur Verfügung.

Stolz stellt sich Erika Kienzle (verh. Schweizer, geb. 1941/42) mit ihrer Mutter Emma Kienzle (geb. Geisinger, 1915-2003) für ein Erinnerungsfoto auf. Erika Kienzle feiert heute ihre erste heilige Kommunion. Sie trägt ein weißes Kleid, ein Blumenkranz ist im Haar befestigt und sie hält ihre Kommunionkerze in der Hand. Das Foto wird in den Nachkriegsjahren aufgenommen: Der Vater Otto Kienzle (1910-1942) ist abwesend. Er war Soldat und kehrte nicht mehr in die Heimat zurück, weil er 1942 fiel.

Das Mädchen und seine Mutter stehen im Garten ihres Hauses in der Alenbergstraße.

Standort des Fotografen: 47.885194, 8.345083

2 Fotos: Ehemaliges Pfarrhaus in der Unteren Hauptstraße, ca. 1950

Erzbischöfliches Archiv Freiburg, EAF S24/561

In einem desolaten Zustand zeigt sich das ehemalige katholische Pfarrhaus (Untere Hauptstr. 10), das am 22. Februar 1945 bei einem alliierten Luftangriff ausgebombt wurde. Schon über fünf Jahre sind seitdem vergangen, aber die Kriegsschäden immer noch unübersehbar.

Das altehrwürdige Gebäude wurde 1788 als Barockhaus erbaut. Hier hatte seitdem der katholische Stadtpfarrer seinen Amtssitz. Die Pfarrscheuer, die ursprünglich daneben stand, musste dem Bahnbau weichen. Seit der Bombardierung ist das Gebäude unbewohnbar. Stadtpfarrer und Vikare fanden in der Kaplanei eine neue Bleibe. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite wurden bei den Luftangriffen zwei weitere Gebäude sogar komplett zerstört: das Haus Kaus, ebenfalls ein Barockhaus, und das Haus Zepf (Untere Hauptstr. 9), dessen Grundmauern am linken Bildrand zu erkennen sind.

Die Fotos entstehen kurz vor der Renovierung des Gebäudes, in dessen Zuge auch das Dach ausgebaut wird. 1952 eröffnet der Landkreis Neustadt hier die »Kreislandwirtschaftsschule«. Aufgenommen werden die Bilder von Hermann Ginter, der von 1949 bis 1966 Konservator der kirchlichen Kunstdenkmäler der Erzdiözese Freiburg ist und verschiedene kirchliche Gebäude in der Erzdiözese fotografisch dokumentiert.

Standort des Fotografen: 47.882692, 8.343594

2 Fotos: Stolperstein-Verlegung für NS-Opfer Kilian Götz in der Vorstadtstraße, 2. Juli 2019

Sammlung Familie Waßmer

In der Vorstadtstraße wird am 2. Juli 2019 von Künstler Gunter Demnig (geb. 1947) im Rahmen seines europaweiten Kunstprojekts ein »Stolperstein« verlegt, ein kleines Gedenkzeichen, das an die Schicksale der Menschen erinnert, die vom nationalsozialistischen Regime verfolgt und ermordet wurden. »Stolpersteine« liegen meist vor den letzten selbstgewählten Wohnorten der Opfer und mahnen im öffentlichen Raum zur Erinnerung. In diesem Fall liegt der Stein nicht vor dem letzten Wohnort, sondern vor dem Geburtshaus, in dem Kilian Götz (1897-1943) am 2. Juli 1897 geboren wurde. Besonders an diesem »Stolperstein« ist außerdem, dass er einem Opfer gewidmet ist, das eine kleinkriminelle Vergangenheit hatte – ein Mensch, der trotz seiner Taten, die auch in einem Rechtsstaat geahndet würden, als NS-Opfer anzuerkennen ist.

Die Initiative für die Verlegung des Gedenkzeichens ging von Historiker Jörg Waßmer aus, der aus Löffingen stammt. Er hat die Lebensgeschichte von Kilian Götz wissenschaftlich aufgearbeitet und das Projekt der Öffentlichkeit in einem Vortrag vorgestellt. Die Zuhörer*innen hatten Geld gespendet und die Verlegung des Steins damit möglich gemacht. Auch der Gemeinderat hatte der Verlegung zugestimmt.

Kilian Götz wurde am 2. Juli 1897 in Löffingen als Sohn der ledigen Dienstmagd Sophie Götz geboren. Er wuchs bei seinen Großeltern in der Vorstadtstraße auf. Im Alter von 14 Jahren begann er eine Lehre als Metzger. Während des Ersten Weltkriegs war er als Soldat eingesetzt und kehrte schwer verwundet in seine Heimat zurück. In den 1920er Jahren lebte er zeitweise in Freiburg, später im Allgäu. 1923 heiratete er Rosa Mägerle aus Memmingen. Ein Jahr später wurde ihre Tochter geboren. Doch das Familienglück war nicht von Dauer und es kam zur Scheidung. Kilian Götz führte danach eine Beziehung mit Theresia Regelmann, mit der er eine weitere Tochter bekam. Doch auch diese Verbindung zerbrach.

Mehrfach wurde Kilian Götz wegen kleinerer Delikte verurteilt. Insgesamt kam es zu 23 Verurteilungen, meist wegen kleiner Diebstähle oder Betrügereien. Er verbüßte seine Strafen in Gefängnissen, Zuchthäusern und Arbeitshäusern. Kaum in Freiheit wurde er wieder rückfällig. Am 27. Februar 1942 wurde er als »gefährlicher Gewohnheitsverbrecher« mit Sicherheitsverwahrung verurteilt und zunächst in das Straflager Börgermoor gebracht. Wenig später überstellte man ihn als »asoziales Element« in das Konzentrationslager Neuengamme, wo er als Zwangsarbeiter zur »Vernichtung durch Arbeit« eingesetzt wurde. Am 6. Januar 1943 wurde Kilian Götz im KZ registriert und bekam die Nummer 13.369. Neun Tage später war der 45-Jährige tot. Die offizielle Todesursache lautete »Versagen von Herz und Kreislauf bei Nierenentzündung«. Ein blutverschmiertes Hemd war das einzige, was von ihm im Nachlass zurückblieb.

Der »Stolperstein« für Kilian Götz erinnert heute an seine Lebensgeschichte und mahnt, dass auch Menschen aus gesellschaftlichen Randgruppen Opfer der nationalsozialistischen Verfolgung wurden.

oberes Foto
V.l.n.r.: 1 Jörg Waßmer, 2 Gunter Demnig

Standort des Fotografen: 47.884674, 8.346558